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19.09.2009

Ozapft is. Aber bitte, wir sind hier in Franken, nicht in Bayern. Marseinbruch droht. In Fürth sowieso. Da war er schon nachmittags. Irgendeine Veranstaltung auf der Fürther Freiheit. Ein Sonnenschirm mit Bundeswehr, einer mit Polizei, und Feuerwehr auch noch. Mir fiel eine Schaufensterpuppe in der Polizistengruppe ins Auge. Die war weiß und unbekleidet und sah von weitem aus wie eine Statue, wie ein Adonis, umringt von Polizisten, wie seltsam. Aber bei näherem Hinsehen erlosch der Marmorschein. Dafür entpuppte sich der Kerl daneben als ein ebenfalls nicht echter, als ein bekleidetes Pendent.

Fußgängerzone. Dort haben sie Bänke aus Metall. Die sehen interessant aus. So dass ich zögerte, mich daraufzusetzen. Was, wenn es eine Skulptur ist? Ich sah erst über den Platz, ob noch weitere solche Bänke da waren. Es waren. Das ist zwar kein Beweis dafür, dass es sich nicht um eine Skulptur handelt, wäre es zumindest nicht in einer anderen Stadt, aber in Fürth schon. Sobald ich Platz nahm, verstärkte sich der abweisende Eindruck. Mit Kälte - ich hab's ja immer so mit Wörtern: arschkalt. Eine Bank aus Metall ist eben arschkalt im Wortsinn. Was für eine Schnapsidee. Nein, nein, keine Schnapsidee. Ich glaube, keiner wird mich der Verschwörungstheoretisiererei bezichtigen für die Vermutung, dass Kalkül dahinter steckt. Wie die windigen Bushaltestellen, die gezielt wetterunfesten Unterstellgelegenheiten auf Bahnsteigen, und was es nicht noch alles für ehemals relativ zum jetzigen Zustand gemütliche Plätze im öffentlichen Raum gibt, die absichtlich zu einer Art lebensfeindlicher Umgebung gestaltet werden, um das Gesindel davon abzuhalten, sich dort niederzulassen. Wenn man bedenkt, was dieses Gesindel gewöhnt ist, muss man sich nicht wundern über, na ja, z.B. arschkalte Bänke, die eigentlich nur noch zum Abstellen von Taschen geeignet sind. Wenn es heiß ist, verbrennt man sich den Hintern daran. Nach Sonnenuntergang holt man sich eine Blasenentzündung.

Plötzlich tauchte ein Marsmännchen auf. Oder was auch immer. Ich habe noch nie ein Wesen, ein Fahrzeug, ein Insekt, irgendein Ding gesehen, das sich so seltsam fortbewegt, wie es dieses da tat. Wie eine von Jean Tinguelys Maschinen, die sich plötzlich dazu entschlossen hat, den angestammten Platz zu verlassen und sich die Welt anzuschauen. Rechts bestand sie aus einem Fahrrad und links aus einem Zweibeiner. Auf dem Kopf trug sie einen Fahrradhelm, was dringend nötig war. Die beiden Hälften lehnten aneinander wie zwei Karten, die ein Kartenhaus bilden wollen. Nicht sonderlich stabil, das weiß man, aber das Ding da vorne bewegte sich auch noch vom Fleck. Es hatte eindeutig ein Ziel, verfolgte eine Richtung. Ich schreibe das hin, weil ich mir ganz sicher bin. Es machte einen zielgerichteten Eindruck. Aber wie der zustande kam, ist eigentlich ein Rätsel. Die Zweibeinerhälfte bestand ja selber aus einer Art Kartenhaus. Fiel immer von einem Bein auf das andere. Und am Zubodenfallen hinderte sie irgendwie die Fahrradhälfte. Die zwar zunächst fast zu Boden gerissen zu werden scheint von der Zweibeinerhälfte, dann aber den Übergang darauf schafft, ihrerseits etwas Ähnliches zu machen mit der Zweibeinerhälfte. Das muss am architektonischen Gegenpol liegen, den das Fahrrad mit seinen zwei Rädern bildet, hintereinander aufgereiht, durch eine stabile Metallstange miteinander verbunden. Oder aber am Fahrradhelm ist ein Marionettenfaden befestigt, der den Kopf auf so erstaunliche Weise immer relativ senkrecht nach oben hält.

Ich fühlte mich für die Erscheinung verantwortlich. Weil ich mich auch immer so umgangssprachlich ausdrücke. "Rumeiern". Sie musste ein Versehen, eine Übertreibung sein. Aber so war das doch nicht gemeint! Als sie näher kam, sprang ich auf und bot ihr, meiner Schöpfung, meiner Missgeburt meinen Platz an, so wie andere Schwangeren gegenüber sich verpflichtet fühlen, als hätten sie sie persönlich geschwängert. Sie sah mich an. "Käpt'n K..." Keine Ahnung. Etwas Unverständliches, das ein L wie lallen enthielt. Käpt'n Killer? Käpt'n Coulor? Käpt'n Koller? Das ist ein Ding. Ein Schriftsteller wird von seiner Erfindung angesprochen und versteht deren Lallen nicht.

Andere Passanten staunten ebenso ob der Erscheinung wie ich. Sie war also doch keine Halluzination. Ich musste versuchen, ihr doch noch etwas Verständliches zu entlocken. Außerdem machte ich mir Sorgen. Der ungeschickte Marionettenspieler ruiniert noch seine Puppe, wenn er so weiter macht. Schaufenster locken mit dem Potential zum Spektakel zerberstenden Glases. Passanten, die sich eben noch amüsieren, mit dem der Schadenfreude, die vor dem Fall kommt. Lachgrübchen, die zur Grube werden, auf die sie selber ... Ich kann's einfach nicht lassen.

"Kann ich Ihnen helfen? Soll ich Ihnen Ihr Fahrrad schieben?" Er brauchte sein Fahrrad als Gehstock, der zugleich die Richtung weist, zwei hintereinander angeordnete Räder, stabil verbunden... Wie hatte ich mich ausgedrückt, ich sei (in meiner Jugend) fasziniert gewesen von dem Eigenleben, das sie (die Glibbermasse, hier: die Erscheinung) im Spiel zwischen Schwerkraft (hier: noch Fäden, die ihr entgegenwirken) und Haftungseigenschaft (hier: der architektonische Gegenpol) vorführte. In den Fäden verheddern müsste sich der Marionettenspieler, mit dem ich nichts zu tun habe. "Du bist Käpt'n K...l..." Er ist nicht ungeschickt, im Gegenteil, führt das Kunststück vor, die Fäden sich zu verheddern nur drohen zu lassen. Schon eierte ich mit. Ich roch keine Fahne. Was machte ihn so betrunken (ihn, den Zweibeiner)? "Was haben Sie denn getrunken?" - "Freunde". Freunde hätten ihn betrunken gemacht. "Und die haben Sie so gehen lassen? Das sind ja schöne Freunde!" - "Was? - Freunde, Freunde, gute Freunde." Ich versuchte es noch einmal. "Was haben Sie denn getrunken, Bier, Wein, Schnaps?" Wenn es Rum war, wäre das Staunen der Passanten ebenso halluziniert, von wegen "Rumeiern". Und ich wäre Käpt'n Kalauer, na klar. "Alles durcheinander." Aha. Was heißt aha, so ein Verdacht lässt sich nie falsifizieren. Alles, was nicht dafür spricht, zählt nicht. "Wie kann man damit aufhören?" - "Womit wollen Sie denn aufhören?" - "Mit dem Trinken." Er machte eigentlich nicht den Eindruck eines notorischen Trinkers, das sportliche Fahrrad, die dazu passende Kleidung, der Fahrradhelm. "Wie meinen Sie das? An einem Abend oder überhaupt?" - "Überhaupt." - "Keine Ahnung, man müsste es wollen."

Er kannte seinen Weg. Er brauchte mich nur, um die roten Ampeln nicht zu übersehen. Darin bin ich Spezialist. Eine Mutter mit Kind stand an der Ampel und glotzte uns an, nach hinten, nicht auf ihr Kind, nicht auf die Straße. Nein, wir sind keine Halluzination. Ein behelmtes Gummimännchen links, ein schutzloser Käpt'n K...l... rechts und ein wegweisendes Fahrrad - es sah wirklich recht modern aus - in der Mitte. "Wer ist denn dieser Käpt'n Kadings?" - "Du, du bist Käpt'n K...l..." - "Ja, aber was ist das für ein Käpt'n? Ist er aus einem Film? Oder eine historische Persönlichkeit? Was hat er für ein Schiff? Welche Art von Schiff? Hat er überhaupt eins?" - "Ein U-Boot, er hat ein U-Boot."

Grün. Die Grünphase von Fußgängerampeln ist viel länger als ein Radfahrer sie braucht. Deshalb nimmt er sie auch noch nach ihrem Ende. Aber ein mittlerweile vierbeiniges Tinguely-Werk, das sich mit Hilfe eines richtungsweisenden Zweirads offenbar am Grunde des Ozeans auf den Weg gemacht hat, der sich elliptische Bahnen beschreibend vervielfacht, bräuchte ein Vielfaches davon. Ich musste meine ganze Käpt'n-K...l...-Kraft aufwenden, um die Meeresraumkrümmung mit einem Lichtgeschwindigkeitstrick zu überlisten. Auf der anderen Seite hätte ich gerne doch noch genauer erfahren, wer ich bin. Aber es war nichts herauszubekommen.

Benjamin Britten, Serenade für Tenor, Horrn und Streicher, Opus 31, Ian Bostridge, Tenor

24.9.09 21:35
 


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