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19.09.2009

Ozapft is. Aber bitte, wir sind hier in Franken, nicht in Bayern. Marseinbruch droht. In Fürth sowieso. Da war er schon nachmittags. Irgendeine Veranstaltung auf der Fürther Freiheit. Ein Sonnenschirm mit Bundeswehr, einer mit Polizei, und Feuerwehr auch noch. Mir fiel eine Schaufensterpuppe in der Polizistengruppe ins Auge. Die war weiß und unbekleidet und sah von weitem aus wie eine Statue, wie ein Adonis, umringt von Polizisten, wie seltsam. Aber bei näherem Hinsehen erlosch der Marmorschein. Dafür entpuppte sich der Kerl daneben als ein ebenfalls nicht echter, als ein bekleidetes Pendent.

Fußgängerzone. Dort haben sie Bänke aus Metall. Die sehen interessant aus. So dass ich zögerte, mich daraufzusetzen. Was, wenn es eine Skulptur ist? Ich sah erst über den Platz, ob noch weitere solche Bänke da waren. Es waren. Das ist zwar kein Beweis dafür, dass es sich nicht um eine Skulptur handelt, wäre es zumindest nicht in einer anderen Stadt, aber in Fürth schon. Sobald ich Platz nahm, verstärkte sich der abweisende Eindruck. Mit Kälte - ich hab's ja immer so mit Wörtern: arschkalt. Eine Bank aus Metall ist eben arschkalt im Wortsinn. Was für eine Schnapsidee. Nein, nein, keine Schnapsidee. Ich glaube, keiner wird mich der Verschwörungstheoretisiererei bezichtigen für die Vermutung, dass Kalkül dahinter steckt. Wie die windigen Bushaltestellen, die gezielt wetterunfesten Unterstellgelegenheiten auf Bahnsteigen, und was es nicht noch alles für ehemals relativ zum jetzigen Zustand gemütliche Plätze im öffentlichen Raum gibt, die absichtlich zu einer Art lebensfeindlicher Umgebung gestaltet werden, um das Gesindel davon abzuhalten, sich dort niederzulassen. Wenn man bedenkt, was dieses Gesindel gewöhnt ist, muss man sich nicht wundern über, na ja, z.B. arschkalte Bänke, die eigentlich nur noch zum Abstellen von Taschen geeignet sind. Wenn es heiß ist, verbrennt man sich den Hintern daran. Nach Sonnenuntergang holt man sich eine Blasenentzündung.

Plötzlich tauchte ein Marsmännchen auf. Oder was auch immer. Ich habe noch nie ein Wesen, ein Fahrzeug, ein Insekt, irgendein Ding gesehen, das sich so seltsam fortbewegt, wie es dieses da tat. Wie eine von Jean Tinguelys Maschinen, die sich plötzlich dazu entschlossen hat, den angestammten Platz zu verlassen und sich die Welt anzuschauen. Rechts bestand sie aus einem Fahrrad und links aus einem Zweibeiner. Auf dem Kopf trug sie einen Fahrradhelm, was dringend nötig war. Die beiden Hälften lehnten aneinander wie zwei Karten, die ein Kartenhaus bilden wollen. Nicht sonderlich stabil, das weiß man, aber das Ding da vorne bewegte sich auch noch vom Fleck. Es hatte eindeutig ein Ziel, verfolgte eine Richtung. Ich schreibe das hin, weil ich mir ganz sicher bin. Es machte einen zielgerichteten Eindruck. Aber wie der zustande kam, ist eigentlich ein Rätsel. Die Zweibeinerhälfte bestand ja selber aus einer Art Kartenhaus. Fiel immer von einem Bein auf das andere. Und am Zubodenfallen hinderte sie irgendwie die Fahrradhälfte. Die zwar zunächst fast zu Boden gerissen zu werden scheint von der Zweibeinerhälfte, dann aber den Übergang darauf schafft, ihrerseits etwas Ähnliches zu machen mit der Zweibeinerhälfte. Das muss am architektonischen Gegenpol liegen, den das Fahrrad mit seinen zwei Rädern bildet, hintereinander aufgereiht, durch eine stabile Metallstange miteinander verbunden. Oder aber am Fahrradhelm ist ein Marionettenfaden befestigt, der den Kopf auf so erstaunliche Weise immer relativ senkrecht nach oben hält.

Ich fühlte mich für die Erscheinung verantwortlich. Weil ich mich auch immer so umgangssprachlich ausdrücke. "Rumeiern". Sie musste ein Versehen, eine Übertreibung sein. Aber so war das doch nicht gemeint! Als sie näher kam, sprang ich auf und bot ihr, meiner Schöpfung, meiner Missgeburt meinen Platz an, so wie andere Schwangeren gegenüber sich verpflichtet fühlen, als hätten sie sie persönlich geschwängert. Sie sah mich an. "Käpt'n K..." Keine Ahnung. Etwas Unverständliches, das ein L wie lallen enthielt. Käpt'n Killer? Käpt'n Coulor? Käpt'n Koller? Das ist ein Ding. Ein Schriftsteller wird von seiner Erfindung angesprochen und versteht deren Lallen nicht.

Andere Passanten staunten ebenso ob der Erscheinung wie ich. Sie war also doch keine Halluzination. Ich musste versuchen, ihr doch noch etwas Verständliches zu entlocken. Außerdem machte ich mir Sorgen. Der ungeschickte Marionettenspieler ruiniert noch seine Puppe, wenn er so weiter macht. Schaufenster locken mit dem Potential zum Spektakel zerberstenden Glases. Passanten, die sich eben noch amüsieren, mit dem der Schadenfreude, die vor dem Fall kommt. Lachgrübchen, die zur Grube werden, auf die sie selber ... Ich kann's einfach nicht lassen.

"Kann ich Ihnen helfen? Soll ich Ihnen Ihr Fahrrad schieben?" Er brauchte sein Fahrrad als Gehstock, der zugleich die Richtung weist, zwei hintereinander angeordnete Räder, stabil verbunden... Wie hatte ich mich ausgedrückt, ich sei (in meiner Jugend) fasziniert gewesen von dem Eigenleben, das sie (die Glibbermasse, hier: die Erscheinung) im Spiel zwischen Schwerkraft (hier: noch Fäden, die ihr entgegenwirken) und Haftungseigenschaft (hier: der architektonische Gegenpol) vorführte. In den Fäden verheddern müsste sich der Marionettenspieler, mit dem ich nichts zu tun habe. "Du bist Käpt'n K...l..." Er ist nicht ungeschickt, im Gegenteil, führt das Kunststück vor, die Fäden sich zu verheddern nur drohen zu lassen. Schon eierte ich mit. Ich roch keine Fahne. Was machte ihn so betrunken (ihn, den Zweibeiner)? "Was haben Sie denn getrunken?" - "Freunde". Freunde hätten ihn betrunken gemacht. "Und die haben Sie so gehen lassen? Das sind ja schöne Freunde!" - "Was? - Freunde, Freunde, gute Freunde." Ich versuchte es noch einmal. "Was haben Sie denn getrunken, Bier, Wein, Schnaps?" Wenn es Rum war, wäre das Staunen der Passanten ebenso halluziniert, von wegen "Rumeiern". Und ich wäre Käpt'n Kalauer, na klar. "Alles durcheinander." Aha. Was heißt aha, so ein Verdacht lässt sich nie falsifizieren. Alles, was nicht dafür spricht, zählt nicht. "Wie kann man damit aufhören?" - "Womit wollen Sie denn aufhören?" - "Mit dem Trinken." Er machte eigentlich nicht den Eindruck eines notorischen Trinkers, das sportliche Fahrrad, die dazu passende Kleidung, der Fahrradhelm. "Wie meinen Sie das? An einem Abend oder überhaupt?" - "Überhaupt." - "Keine Ahnung, man müsste es wollen."

Er kannte seinen Weg. Er brauchte mich nur, um die roten Ampeln nicht zu übersehen. Darin bin ich Spezialist. Eine Mutter mit Kind stand an der Ampel und glotzte uns an, nach hinten, nicht auf ihr Kind, nicht auf die Straße. Nein, wir sind keine Halluzination. Ein behelmtes Gummimännchen links, ein schutzloser Käpt'n K...l... rechts und ein wegweisendes Fahrrad - es sah wirklich recht modern aus - in der Mitte. "Wer ist denn dieser Käpt'n Kadings?" - "Du, du bist Käpt'n K...l..." - "Ja, aber was ist das für ein Käpt'n? Ist er aus einem Film? Oder eine historische Persönlichkeit? Was hat er für ein Schiff? Welche Art von Schiff? Hat er überhaupt eins?" - "Ein U-Boot, er hat ein U-Boot."

Grün. Die Grünphase von Fußgängerampeln ist viel länger als ein Radfahrer sie braucht. Deshalb nimmt er sie auch noch nach ihrem Ende. Aber ein mittlerweile vierbeiniges Tinguely-Werk, das sich mit Hilfe eines richtungsweisenden Zweirads offenbar am Grunde des Ozeans auf den Weg gemacht hat, der sich elliptische Bahnen beschreibend vervielfacht, bräuchte ein Vielfaches davon. Ich musste meine ganze Käpt'n-K...l...-Kraft aufwenden, um die Meeresraumkrümmung mit einem Lichtgeschwindigkeitstrick zu überlisten. Auf der anderen Seite hätte ich gerne doch noch genauer erfahren, wer ich bin. Aber es war nichts herauszubekommen.

Benjamin Britten, Serenade für Tenor, Horrn und Streicher, Opus 31, Ian Bostridge, Tenor

knightlessdarkness am 24.9.09 21:35


Irrlichterndes Überraschungsei überlebt auf dem Mars!

Vier Uhr. Septemberfrühe. Nächtliche Stadt. Winterlicher Morgen im verendenden Sommer. Verendend, wie passend, ich hatte eine Besprechung des unsterblichen Kino-Highlights Dead Weekend gelesen, auswendig gelernt und sicherheitshalber ausgedruckt. Trage sie in der Tasche mit mir herum. Nebelschwaden verleihen den mittelalterlichen Burgmauern Nürnbergs - Nürnberg, Stadt der Reichsparteitage, welch gebührliche Kulisse gäbe sie für die True World Forces - einen Flair von London - London, einstige Metropole des New Wave. Als hätte Anne Clark auf dem Bardentreffen kürzlich einen Geist aus der Flasche befreit, Amos Poe, einstiger Ikonograph des New Wave und Schöpfer des Films, in dem ich mich zweifellos befinde. Vorbei am King's Arms Pub - dort darf man rauchen. Weedige Wolken von innen vermengen sich an der Schwelle mit dem New-Wave-Nebel, reichen ihm die Hand, deren Finger sich in die Gassen legen, die Frauentormauer entlang hin zum Rotlichtviertel in die eine Richtung, in die andere zum Polizeipräsidium.

Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs. Das soll man nicht. Nach unten treten, nach oben buckeln. In einem Film von Amos Poe steht man dann wie ein begossener Pudel da. Das hatte ich vergessen, als ich noch schnell über die Straße radelte, aus der schon das Scheinwerferlicht eines herannahenden Wagens sich seinen Weg durch den Nebel bahnte. Ohne Licht und bei Rot über die Ampel, das ist gefährlich seit der Gesundheitsfanatismus das Radfahren beliebt gemacht hat. Wie er das geschafft hat, bleibt ein ewiges Rätsel der Geschichte: ganz und gar schutzlos sich in's Verkehrschaos begeben; die Abgase im Zuge der Anstrengung besonders tief einatmen; wegen der Gefahr durch die besser Gewappneten auf der Fahrbahn den Gehweg wählen, auf dem sich lauter völlig ziellos umherirrende Wesen befinden, denen von einer Sekunde auf die andere einfällt, unvermittelt stehen zu bleiben, die Richtung zu ändern oder aus dem Stand loszumarschieren, am Besten rückwärts, seitlich, wo sie halt keine Augen haben im Kopf. Die man auch nicht warnen darf mit der Fahrradklingel, weil sie sich dann plötzlich in selbstbewusste Monster verwandeln, die einem beweisen, dass man zum Treten kein Fahrrad braucht, sondern das Gefühl, respektlos behandelt worden zu sein von einem, von dem man sich das aber wirklich nicht bieten lassen muss. Eine Radwegmarkierung ändert am Umherirren nicht das Geringste, am Überraschungseffekt meistens doch etwas. Schuldbewusstsein, das wenigstens die erwünschte Hauptwirkung, eine schmerzfreie Weiterfahrt nicht behindert. Äußerst mysteriös also die Neigung der Radfahrer, mit deren Ausbreitung die Verkommenheit der sich in Sicherheit Wähnenden, kein Nummernschild he he, ins Visier der Ordnungshüter gerückt. Und jetzt übersieht man schon leicht mal den Lastwagen, der einen dann überrollt, wenn man nach allen Seiten hin Ausschau hält, ob nicht in einer Ecke ein Streifenwagen hinterhält.

Ohne Licht und bei Rot über die Ampel, während ein undurchsichtiger Poe-Nebel den Wagen verhüllt, dessen Scheinwerfer schon das Unheil ankündigen, das Ungetüm ahnen lassen, das mit seinem bösen Maul im Moor, in der Suppe wartet. Ohne Licht, das ist sicher nicht gut, aber MIT Licht bei Rot über die Ampeln, die einem kafkaesken Unwahrscheinlichkeitsgesetz folgend immer rot sind, wenn man sich ihnen nähert, und besonders lange dann, wenn kein fahrendes Auto weit und breit zu sehen ist, aber genügend Gebüsch, Ecken, Winkel, parkende Lastwagen, Busse für die lauernden Grünlinge? MIT Licht die Abkürzung durch die Fußgängerzone nehmen, die nachts, frei von den irrlichternden Überraschungseiern tatsächlich eine ist? Als wären diese einer gefaketen Erdbebenwarnung auf den Leim gegangen. Nur Katzen, die auf einem ähnlichen Film sind wie ich es bin, wie mir ihre Augen bedeuten, die aus dem Versteck hervorblitzen, in das sie sich wegdrücken.

Was verbarg der Poe-Nebel? Was hält er für mich bereit? Radfahren ist sicher nicht gut auf diesem Planeten. Jetzt fällt es mir wieder ein, und ich steige schnell ab, um aufrecht zu stehen. Ist sie schon vorrüber, die Gefahr? War es ein ziviler Wagen? Oder steht sie noch bevor? - Das darf nicht wahr sein. Gerade jetzt habe ich überhaupt kein Geld. Es ist noch nicht lange her, da hatte mir einer der Marsianer die Summe genannt. Damals rettete mich etwas Bezwingendes, das ich zufälligerweise, das unschuldige Geschenk einer Begegnung kurz zuvor, parat hatte.

Dieser verfluchte Amos Poe! Treudoof, wer will das schon sein? Gerade in dem Versuch, es nicht zu sein, ist man's umso treudoofer. Aufrecht! Da steh' ich nun wie angewurzelt. Und mir fällt nichts ein. Nur so unnützes Zeug wie dieser Vorfall, über den die Nachrichtensendungen berichten. Zivilcourage. Heißt nicht umsonst zivile COURAGE. Muss ein Einfall Poes sein. Heldentum wäre keines, wenn es nicht zuweilen tödlich ausgeht. Und diese Katze. Warum sehe ich sie unaufhörlich vor mir wie - was ist die Entsprechung zum Ohrwurm für Bilder? - wie einen Augenwurm. Benimmt sich so seltsam, dass man sie verrückt nennen wollte, wäre es keine Katze. Drückt sich auf so irrsinnig anmutende Weise weg, dass sie damit gerade die Aufmerksamkeit auf sich zieht, der sie zu entgehen sucht. Schnell davonradeln in eine der Gassen hinein, die zu eng sind für Autos? Schon Wurzeln schlagend, kommt der Impuls zu spät. Die Idee war mir nicht in den Sinn gekommen eben, nicht in den Schädel, der zu leer war in der Gewahrwerdung dessen, was nicht wahr sein darf. Der Gassen gäbe es genügend. Aber das wäre wahrscheinlich Wahnsinn gewesen. Die Leere hätte genügend Platz geboten für den Wahnsinn einer Verfolgungsjagd, die mit einem Genickbruch endet. Ich sehe es vor mir. Einer der beiden Reifen dreht sich noch. Kaum merklich entschleunigend. Ganz langsam immer langsamer werdend, ausklingend im Requiem der Polizeisirenen.

So nicht. Das gäbe auch keiner meiner beiden Reifen her. Von wegen kaum merklich entschleunigend! Da müsste beim Sturz schon ein kleines Wunder passieren. Das wäre erst eine Ironie. So lange sie lebte, taugte ihr Fahrrad nichts, bis sie mit ihm tödlich stürzte. Ich traue es dem Fahrrad glatt zu. Ich hatte schon immer den Verdacht, dass die Unzulänglichkeit der Gegenstände, die mich umgeben, sich einer unerklärlichen Bösartigkeit verdankt, einer Bösartigkeit der Gegenstände. Andere trauen Computern zu, bösartig zu werden, dann soll man mir meinen bösartigen Bürostuhl, die bösartige Musikanlage - wobei, die ist eher witzig - ich geb's zu, das sage ich nur, um ihr die Schadenfreude zu vermiesen - das bösartige Regal - nein, nicht lassen, schafft sie mir vom Hals und gebt mir gutartige!

Die nach einer weiten Reise durch Raum und Zeit von einer längst vergangenen Galaxie auf den Mars herniedergesandten und nun aus dem Boden wieder aufsteigenden New-Wave-Schwaden hatten sich schützend um Ampel und Fahrrad geschlungen. Aber waren sie mächtig genug, um den Blick der Eingeborenen, der selbst Vergehen erkennt, die noch gar nicht begangen wurden, zu trüben? Es soll ja schon eine Funsel ausreichen, die so jämmerlich glimmt, dass sie aber auch zu gar nichts anderem nütze ist, um der Straßenverkehrsordnung zu genügen. Was meine Vorderleuchte angeht, bringt sie etwas zustande, das in keinem Verhältnis zum Aufwand steht. Der aber dafür sogar kleine Gefälle in Steigungen verwandelt. Anstatt in Licht. Sich in Licht verwandeln, dieser Hexerei auf jeden Fall müssten die Schwaden mächtig sein, wollten sie mich unbeschadet eine Überprüfung der Rückleuchte überstehen lassen. Aber dafür, dass ihnen die bei den einschlägigen Events gelingt, sind selbst dort nicht sie verantwortlich. Das wäre mal eine Aufgabe für Fernsehnaturwissenschaftler: Wie könnte es Nebel schaffen, Licht zu emittieren? Und dann führen sie es einem vor mit Tanzenden in Strahlenschutzanzügen. In denen so arme Schweine ohne Kohle wie ich drinstecken. Im Augenblick stecke ich in etwas anderem. Ich sollte nicht so dumm herumstehen. Das augenscheinliche Nichtstun beflügelt gerade die Hellsichtigkeit der Hiesigen. Nachts, wenn der Mond und die Sterne auf den Planeten herunterschauen, den nur die Sonne als Erde kennt, braucht man ein gutes Alibi, so etwas wie Zeitungen austragen, das ein Dasein, ein Hiergebliebensein trotz Erdbebenwarnung als irrlichterndes Überraschungsei rechtfertigt. Um also etwas zu tun, suche ich nach einer Möglichkeit, das Fahrrad anzuketten, das ich unbedingt loswerden will in Ermangelung von zerfallendem Gas und eines Schutzanzugs, der dann auch noch nötig wäre. Aber der Gedanke an die Hellsichtigkeit paralysiert mich nun dermaßen, dass ich mir nicht einmal mehr sicher bin, ob es erlaubt ist, ein Fahrrad an die Stange eines Straßenverkehrsschilds zu ketten. Alle Gelegenheiten, die sich zu bieten scheinen, entpuppen sich als welche, denen ich es zutraue, verboten zu sein. Die Hellsichtigkeit muss auf wundersame Weise auf mich übergegangen sein. Ist das ekelig. Grüner Schleim wie es ihn einmal auf Jahrmärkten zu kaufen gab. Ungefähr in der Zeit, in der New Wave tatsächlich noch new war. Damals diente der Schleim der Belustigung von Kindern. Worin bestand das Vergnügen im Umgang mit dieser glitchig wirkenden, schaurige Assoziationen weckenden Glibbermasse? Ich erinnere mich, ebenfalls fasziniert gewesen zu sein von dem seltsamen Eigenleben, das sie im Spiel zwischen Schwerkraft und Haftungsfähigkeit vorführte. Jetzt zieht er Fäden, der Schleim und spinnt mich ein. Jeder Versuch, ihn loszuwerden, jede Bewegung führt nur dazu, dass sich eine weitere Schlinge um mich legt.

Das Problem ist, dass ich über keine Fachkenntnisse verfüge. Die Hellsichtigkeit ist leider ohne ihren Quell der Weisheit auf mich übergegangen. Dabei eiere ich doch auch schon so lange hier herum. Aber eben laienhaft. Hätte ich die Jahre mal lieber dazu genutzt, Jura zu studieren, dann würden mich diese marsianischen Schleimattacken, diese heimtückischen Hellsichtigkeitsanfälle, diese Glühwürmchenverarschungen nicht so glitschig, glibbrig aus der Bahn werfen! Wobei das ein weites Feld ist. Man hat es ja nicht nur mit der Straßenverkehrsordnung zu tun. Eine ganze Galaxie geradezu aus unzähligen Gelegenheiten für professionelles Herumeiern. So ein Aufwand. Und das nur, um schon vor der Verhandlung zu wissen, wie sie ausgeht? Steigung im Dunkeln für das Licht im Gefälle, das die Katastrophe schön ausleuchtet, auf die man zurast? Professionelle Hellseher, diese Scharlatane, locken ihre Klientel mit dem frommen Wunsch, das Drohende abzuwenden, das doch schon feststehen muss, um es vorhersehen zu können. Zumindest, wenn so jemand wie ich so einen braucht, ist es schon zu spät. An den Verträgen herumzufeilen, die ich unterschreibe, wird immer von der Gegenseite abgenommen. Wie zuvorkommend. Auch ein Fall von bezwingendem Charme. "Sie müssen ja nicht unterschreiben. Da draußen warten schon ein paar andere." Der eine Haifisch grinst einen mit seinen profipolierten Zähnen offen an, der andere braucht den Zahnarzt, um die AGB so ausschweifend zu gestalten, dass sie garantiert keiner bis zu den kritischen Stellen liest, die kritischen Stellen geschickt einzubetten, in etwas harmlos Aussehendes umzuformulieren. Das Kunsstück besteht in der Findung einer möglichst unverdächtigen Formulierung, die dennoch juristischen Bestand hat. Nebel, der sich jederzeit in Hagel verwandeln kann. Wo bleibt er der Hagel? Meine Rückleuchte kommt mir gerade wie ein Hagelmagnet vor. Dabei habe ich nicht einmal den Vertrag unterschrieben, den mir die Marsianer gleich unter die Nase halten werden. "Selber Schuld, hätten Sie sich nicht gebären lassen!" Nein, das ist nicht marsianisch. "Wir können Ihnen gerne helfen, das zu korrigieren." Das schon eher. Wie drastisch. Das ist jetzt schon die zweite Leiche, die auf das Konto der Rückleuchte geht. Die hat schon eine besondere Bösartigkeit an sich. Einerseits so drastisch. Andererseits nur vorgestellt. Beim Bürostuhl ist das genau umgekehrt. Da sind's nur blaue Flecken. Die aber echt weh tun.

Da fällt mir ein, es gab ja noch so eine imaginierte Leiche. Die kann ich jetzt aber beim besten Willen nicht meiner Rückleuchte anlasten. So geht es nicht! Da muss man schon objektiv bleiben. Ich meine dieses Opfer der Beliebtheit des Radfahrens. Was heißt, Opfer der Beliebtheit, das klingt zwar objektiv, ist es aber nicht im juristischen Sinn. Ein Phänomen wie allgemeine Beliebtheit ist kein juristisches Subjekt. Hm, was gab es da? Ein Lastwagen war beteiligt. Und eine rote Ampel. Die hatte ich bei der Schilderung des Falls nicht explizit erwähnt. Das war unsauber. Das geht als Unterstellung daraus hervor, dass das Opfer unaufmerksam war. Teilschuld. Eine Teilschuld fällt der roten Ampel auf jeden Fall zu, die für die Unaufmerksamkeit des Opfers verantwortlich war. Denn wäre die Ampel nicht rot gewesen, hätte das Opfer nicht nach allen anderen Seiten Ausschau gehalten und hätte den Lastwagen auch nicht übersehen können. Was ist mit dem Lastwagen? Der war doch maßgeblich am Tod des Opfers beteiligt. Mit Überrollen und Erdrücken. Nun, da bereits geklärt wurde, dass die Ampel für den Radfahrer rot war, ist klar, dass sie für den Lastwagenfahrer grün war. Es sei denn die Ampelanlage war kaputt. Dieser Fall wäre dann gesondert zu klären. Wenn wir aber davon ausgehen, dass die Ampelanlage in Ordnung war und der Lastwagenfahrer grün hatte, handelte es sich bei dem Überrollen und Erdrücken offenbar um die Folge eines einwandfreien Funktionierens des Lastwagens, dem demzufolge nichts anzulasten ist. Vielmehr ist das Überrollen und Erdrücken eine Konsequenz, für welche ursächlich ebenfalls die Ampel zur Verantwortung zu ziehen wäre. Allerdings ist in diesem Fall die Ampel unschuldig. Sie war ja grün. So wie sie's sein soll. Fazit: Der rotleuchtende Teil der Ampel, der für den Radfahrer zuständig war, trägt die alleinige und volle Schuld.

 

 

Fortsetzung folgt


 

 
knightlessdarkness am 17.9.09 21:23


Knightless Darkness

Darkness is a beautyful word. Darkness empfinde ich als ein wunderschönes Wort. Weitab des Alltagslärms, die Pupillen weit geöffnet, Geräusche, die dann erst zu hören sind. Auch Einsamkeit, vielleicht sogar Melancholie, leises Leiden ob der Verlassenheit, Reste von Verlassensein, die die anderen Nachtgesellen leicht zu Freunden werden lassen. Leichtsinn der Schwermut. Aber das alles nur AUCH, vor allem Schönheit.

Und Knightless wegen der Tempelritter, die die Starwars- und Herr-der-Ringe-Welten jener Gesellen bevölkern. "Jenseits von Gut und Böse" in verfremdeter, schlichter, wörtlicher, unpathetischer und ruhmloser, den Ruhm nicht missender Bedeutung. Heiterkeit meiner Dunkelheit, die meine Kumpane regelmäßig befremdet, als wäre ICH der Tempelritter vom andern Stern. Ey, ich bin der einzig echte Alien hier. Und natürlich die Nachtfalter und Fledermäuse. Die suchen auch weder Ehre noch Sinn. Die sind zu blöd dafür. Weshalb es leicht nicht nur als Leicht-, vielmehr als Wahnsinn zu entlarven ist, ausgerechnet in einem Vieh seinen letzten wahren Freund zu erkennen und ausgerechnet wegen dem Fehlen der Voraussetzung dafür, jenes Befremden zu entwickeln. Aber was ist wahnsinniger, eine Tragödie anders zu empfinden als eine Farce oder der Spinne zuzuprosten, weil sie gegen den Unterschied auch immun ist?

Ich schreibe einen Satz. Aber auf dem Blatt Papier sieht er nicht mehr so aus wie er sich anfühlte, als die Wörter eingeschlossen in meinem Schädel klangen. Dann drechsle ich so lange daran herum in dem Bemühen, etwas von dem Ursprünglichen zurückzuholen, bis nichts mehr davon, aber auch nicht mehr der geringste Rest davon übrig bleibt. - Schreiben ist für mich Schaffen im Scheitern. Wenn es nur nicht so lächerlich wäre. ich höre auf mit dem Quatsch. Satire auf Literaturkritik ist so nutzlos wie jede Satire. Wozu auch noch übertreiben, was doch so, wie es ist schon mies ist? Was soll die Übertreibung dem erhellen, dem das nicht schon längst aufgegangen ist? Satire kann wie jede Kunst nur die Urteile bestärken, die das Publikum schon haben muss. - "Aber was heißt schon schade drum SEIN. Das sowieso mit Sicherheit nicht." Verräterisch, der Welt fehle nichts, aber dem Autor möglicherweise. Dem Alien unter den Aliens.

knightlessdarkness am 25.8.09 19:27





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